Ein fast vergessen geglaubtes Juwel aus den ältesten Knoten des Netzes…

Folgendes Fundstück, das ich vor vielen Jahren entdeckte, kann ich der erlauchten Runde nicht vorenthalten. Betroffomanen, Betroffoholiker und moralisch Bessergestellte: AUFGEPASST! Es geht um politischen Anstand! (‚Political correctness.‘)

Die Schaumsprache des Gutmenschen

Der Vietnamkrieg ist zu Ende, die Berliner Mauer ist gefallen, das vermeintliche Raubtier des Weltkommunismus verendet gerade in Kuba, und der real existierende DDR-Sozialismus hat sich selber zu Grabe getragen. Die Friedensbewegung ist verschwunden, zumindest bis zur nächsten amerikanischen Intervention, und für den Kampf um einen ökosozialen Kapitalismus ist die Noch-Arbeiterklasse zu brustschwach. Die in Europa verbliebene und über Nacht intellektuell heimatlos gewordene Linke begann an einer Sinnkrise zu leiden. Nun gebar sie als Ersatzhandlung einen neuen Typ von Menschen, den Gutmenschen.

Der so genannte gute Mensch – in der neudeutschen Kurzsprache auch Gutmensch genannt – kann charakterisiert werden als das fortschrittliche Bewusstsein nach dem Verlust einer Utopie. Der Gutmensch ist deswegen gut, weil andere böse sind. Der ewige Konkurrent des Gutmenschen ist der Bösmensch. Der Gutmensch weiß nicht mehr ganz genau, wofür er eigentlich ist, er weiß aber immer, wann er empört sein Muss, wann er Wut und Trauer zu empfinden hat und wann es gilt, wegen einer frauenfeindlichen Gesinnung eines Bösmenschen betroffen zu sein.

Der Gutmensch analysiert kaum noch, aber er wittert zielsicher Kategorien wie etwa -freundlich und -feindlich. Er charakterisiert alles als behindertenfreundlich, ausländerfeindlich oder frauenfeindlich. Die liebste Vorsilbe des Gutmenschen ist be-! Statt zu denken, be-denkt er. Er be-wältigt, und er ist immer und überall be-troffen. Das Vokabel Betroffenheit ist überhaupt das Lieblingswort des Gutmenschen. In der Zwischenzeit ist die Betroffenheit zum allgemeinen Besitzstand geworden, und besonders schlaue Politiker benützen dieses Wort gerne. Dieses eine Wort macht unangreifbar. In welchem Zusammenhang auch immer benützt, ob bei AIDS, Sarajewo oder Ruanda – wer betroffen ist, reiht sich automatisch in den Orden der Gutmenschen ein. Eine Begleiterscheinung dieses Modewortes ist bemerkenswert: Die ganz Schlauen unter den Gutmenschen haben längst kapiert, dass man dieses Wort nicht mehr verwenden kann. So lassen sie verlauten, sie seien vom Schicksal der AIDS – Kranken oder der Bewohner Sarajewos getroffen oder berührt. Für einen Moment hält der Hörer inne und ist angenehm überrascht wegen dieser originellen Empfindung.

Der Gutmensch ist friedlich, ökologisch, kinderliebend und sexuell aufgeschlossen. Dank der Erziehung des Gutmenschen wären wir alle friedlich, dank seiner Medienerziehung wissen wir, welche Zeitungen wir lesen sollen und welche nicht. Dank der Sexualkunde des Gutmenschen dürfen wir uns alle so lange streicheln, bis entweder die Haut wundgescheuert ist oder ein anderer Gutmensch laut „sexuelle Belästigung“ ruft.

Kurz gesagt, der Gutmensch ersetzt das Denken durch eine dogmatische Moral. Über nichts entrüstet er sich so sehr wie über moralisches Fehlverhalten, nichts begeistert ihn so sehr wie politischer Anstand. Der Gutmensch fordert beständig, sich zu bekennen oder zu distanzieren. Wo immer der Gutmensch publizistisch zuschlägt, prasseln die Schlagwörter wie ein sommerliches Hagelgewitter auf den eingeschüchterten Leser. Wie eine Schlange ringeln sich die Worte des journalistischen Gutmenschen um den Bösmenschen. Am Ende hat dieser verstanden, dass er sich nur ein paar Standardbegriffe zulegen muss um ebenfalls ein Gutmensch zu werden. Ein paar Kernphrasen der Gutsprache („Goodspeak“) sind rasch aufgezählt. Es geziemt sich, diese wiederholt anzuwenden: Angst, Betroffenheit, Denkanstoß, Dialog, ehrliche Gefühle, Empörung, Glaubwürdigkeit, Kommunikation, Kreativität, Kultur, Mauer im Kopf, menschenverachtend, Menschlichkeit, politische Kultur, Querdenker, Sinn machen, Streitkultur, Täter und Opfer, Toleranz, Trauerarbeit, Unfähigkeit zu trauern, verkrustete Strukturen aufbrechen, Versöhnung, Visionen, Wut und Trauer … usw.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Angst, Betroffenheit und Empörung die Lieblingswörter des Gutmenschen sind, denn Gefühle, vor allem ehrliche Gefühle sind dem Gutmenschen unendlich wichtig. Auf alles, was das empfindsame Herz des Gutmenschen verletzt, reagiert er mit Empörung. Empörung ist eine Steigerung von Betroffenheit. Ganz besonders ist der Gutmensch empört, wenn er frauenfeindliche Gesinnung wahrnimmt. Eine Steigerung der frauenfeindlichen Gesinnung ist der frauenfeindliche Witz, da wird der Gutmensch wütend und traurig zugleich.

Der einfältige Gutmensch ist ob solcher Witze natürlich zutiefst betroffen, vielleicht sogar getroffen. Er ist davon überzeugt, dass solche Witze nicht einmal auf einen Stammtisch gehören, weil selbst dort so manchem der Lacher in der Kehle stecken bleiben dürfte. Was frauenfeindlich ist und Betroffenheit oder Empörung auslöst, bestimmt er allein. Seine geschäumte Entrüstung bremst sich allenfalls ein, wenn der Verdacht droht, antisemitisch oder ausländerfeindlich zu sein. Das ist der Gutmensch natürlich nicht.

Wohlgemerkt! Es geht nicht darum, echtes Engagement und soziale Gesinnung zu verspotten. Es geht darum, die Schaumsprache des Gutmenschen als solche zu entlarven. Der Gutmensch ist ein Windei, seine Sprache und seine Gedanken sind hohl, er dröhnt wie eine Glocke. Mehr ist da nicht.

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