…was ist Glück?

Das Glück – ein Versuch der Beschreibung

Ich bin ja dem Philosophischen im Allgemeinen sehr zugetan. Nicht, dass ich meine Tage grübelnd und sinnierend in einem Fass verbrächte, das ist meine Passion nicht. Schon deshalb, weil es ein zu offensichtliches Plagiat wäre. Vielmehr huldige ich der „Hintergrundphilosophie“, dem „Nebenherdenken“. Dies führt regelmäßig zu großer Verwirrung in meinem Bekanntenkreis, zu fragender Betroffenheit unter den Verwandten und ist wohl auch der Grund für meinen seit Monaten nicht mehr besprochenen Anrufbeantworter.

Das einfach hinzunehmen, widerstrebt mir. Ergo wird darüber nachgedacht, lang, intensiv und oft. Und nachdem als bekannt vorausgesetzt werden muss, dass sich Denken und Reden erstens schlecht vertragen und zweitens der Mensch zum Denken vorzugsweise alleine sei, setzt sich dergestalt die Spirale unaufhaltsam in Bewegung, die jegliche Kommunikation mit der Mitmenschheit ermordet. Es ist aber auch ungerecht: Der denkende Mensch redet nicht, folglich wird er der Vereinsamung anheim fallen. Da er aber ein denkender Mensch ist, grübelt er darüber und vereinsamt indes immer mehr. Die alte Geschichte von der Henne und dem Ei also. Egal, diesen gordischen Knoten durchschlage ich nicht, zumindest nicht in diesem Leben. Um mir aber die Zeit bis zur nächsten Reinkarnation zu vertreiben, sinniere ich eben weiter, so gut ich es kann und so man mich lässt. Das diesem Gedankengebären zugrunde liegende Schema lautet für gewöhnlich: Ich höre, lese oder spreche ein Wort oder einen Begriff. Das geht meistens gut und ich kann mich schon kurz darauf nicht mehr daran erinnern, aber hin und wieder verfolgt mich dieses Wort länger, als mir lieb ist. Und schon denke ich darüber nach, manchmal sogar schreibe ich meine Gedanken auf, so auch jetzt. Mein heutiges Wort ist „Glück“. Und ich gebe im Folgenden einen kurzen und keineswegs kompletten Überblick, was mir so bei diesem Wort durch den Kopf geht, was für mich Glück ist.

Glück ist, wenn man sich abends in dieser unsäglich schlechten Stimmung und psychisch zu jedem Amoklauf bereit von der Arbeit nach Hause geschleppt hat und noch ein Bier im Kühlschrank vorfindet. Es ist der Zeitpunkt, wenn sich das Schicksal auf einen einzigen Moment hin zugespitzt hat und man im Licht des Kühlschrankes die rettende Flasche ausmacht. Alles andere ist Glück mal minus eins.

Glück ist, wenn man einer nicht verhütenden Frauensperson beigewohnt hat und nach einem guten Monat in ihren Augen nicht jenen Glanz erkennt, der Schwangeren zu Eigen ist. Streng genommen ist das unverdientes Glück, denn man hatte es in der Stunde der entfesselten Hormone selbst in der Hand, es nicht zum Zittern und Bangen kommen zu lassen. Doch das ist eine andere Geschichte. Dieses Glück ist allerdings abhängig davon, wie sehr man der besagten Holden zugetan ist, respektive ob man gemeinsam wissentlich und auf Befruchtung hoffend am Erhalt der Gene gearbeitet hat, entschlossen, die Herzensnähe durch gemeinsam verursachtes Kindergeschrei zu vertiefen. Wenn dem nämlich so sein sollte, dann ist obiges Glück automatisch Glück mal minus eins, also Unglück. Möge das anhand der Faktenlage ein jeder für sich selbst entscheiden.

Glück ist auch, so banal es auch klingen mag, eine passende Münze bei sich zu haben, um sich beim wöchentlichen Einkauf eines der bereitstehenden Wägelchen mieten zu können. Ich weiß ja nicht, wie es anderen in diesem Moment ergeht, aber wenn ich vor der Wagenburg stehe und kreidebleich erkenne, dass mir eben diese Münze fehlt, dann ist meine Verzweiflung groß. Dann nämlich habe ich vier Möglichkeiten: Erstens: Ich entferne mich und verwerfe vorerst den Gedanken an Einkäufe. Das allein ist schon ein Unglücksfall, denn in diesem Moment stehe ich ja da, weil ich das Zeug brauche, welches ich mangels Münze nun nicht transportieren kann. Ich leide Zugegebenerweise unter solchen Vorstellungen. Zweitens: Ich bitte in der Nähe befindliche Personen um Hilfe, indem sie mir einen Geldschein wechseln. Diese Möglichkeit scheint eigentlich nicht so schlecht zu sein, hat man doch hierbei die Möglichkeit, mit Mitmenschen eine kurze Kommunikation zu etablieren. Doch man gibt sich dabei als gedankenloser, nicht sorgsam auf den Akt des Einkaufens vorbereiteter Mensch zu erkennen, mit all dem negativen Potential, das einem derartigen Outing innewohnt. Zugegeben, das ist noch die ungefährlichste Variante. Schließlich könnte man auch als dritte Möglichkeit in Betracht ziehen, die Menge der einzukaufenden Waren auf ein Maß zu beschränken, welches ohne Hilfsmittel transportiert werden kann. Dann allerdings erleidet man das Unglück, wahrscheinlich nicht alle geplanten Besorgungen erledigen zu können – ein latenter Quell der Unzufriedenheit. Womöglich muss man auf das Bier verzichten, woraus sich automatisch der zuvor in diesem Text geschilderte Unglücksfall ergäbe. Und schließlich, viertens, die schlimmste aller Möglichkeiten: Man schwindelt sich durch die explizit als Ausgang konstruierte Tür in das Geschäft, nähert sich von der völlig falschen Seite der Dame an der Kasse und versucht, von ihr Wechselgeld zu ergattern. Damit ist man erstens für diese Frau und zweitens für die lange Schlange davor zum Feindbild Nummer eins avanciert. Man stört den normalen Betrieb, man gibt sich all diesen Menschen als Dummkopf zu erkennen und bringt Unruhe in den laufenden Betrieb. Noch dazu, wo dieses Flehen nur auf höchst demütige Art und Weise geschehen kann, will man erfolgreich sein. Es soll ja Leute geben, die eine gewisse Lust daran empfinden, sich und ihr Anliegen solcherart durchzuboxen, mir jedenfalls graut vor dieser Situation, deshalb ist die passende Münze in der Stunde des Einkaufs für mich Glück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s